Die Welt
Im Erdgeschoss wird die Welt in Form eines transformativen Landschaftsbildes sichtbar, das den ständigen Wandel von Materie und die Offenheit neuer Universen thematisiert. Die Installation Like Mushrooms after Rain (2019) evoziert mit dem Bild des Pilzes (ein Symbol für Rhizome, Netzwerke und unvorhersehbares Wachstum) eine Metapher für organische Zukünfte. Kupferne Spiegelobjekte, die mit Salzen und Chemikalien oxidiert wurden, fungieren zugleich als Fenster in weitere Universen und als mentale Landkarten. Indem sie die zentrale Skulptur vervielfachen und ins Unendliche streuen, machen sie erfahrbar, dass diese imaginären Welten nicht fixierbar sind. Sie bleiben fluid, reaktiv und sind stets im Werden begriffen – wie die Materie selbst, die Ingarden in Reaktion versetzt.
SG Ein zentrales Werk, das den Beginn der Ausstellung markiert, ist Like Mushrooms after Rain (2019). Es handelt sich um eine grossformatige Skulptur aus Stahl, Akustikschaum, karbonisiertem Zucker, Austernschalen, Salz und einem doppelseitigen Spiegel. Wie ist das Werk entstanden?
AI Wir waren mit dem Kurator und Freund Arkadiusz Półtorak in einer Residenz in Tilburg und diskutierten über Pilze, Mutterschaft und das Zusammenleimen von Austernschalen.
Das Werk entstand aus einem Interesse an Energieübertragung. Ich wollte eine Skulptur schaffen, die sich wie ein Transformator verhält – absorbierend, tropfend, nie ganz stabil. Es war vielleicht wie eine alchemistische Gleichung, eine Maschine, die sowohl Formen als auch Bedeutungen erzeugen und auflösen konnte.
SG Hier treffen zahlreiche verschiedene Materialien und Techniken aufeinander ...
AI Ich kombiniere industrielle Strukturen und Fundstücke mit organischen oder wandelbaren Materialien: Zucker, Salz, Austernschalen, Pilze, Spiegel, Stahl, Fahrstuhlteile, Jalousien ... Ich mag es, wenn Materialien für sich selbst sprechen, und versuche, ihrer eigenen Logik zu folgen, indem ich nach einem verborgenen Muster suche, wie Dinge zusammenkommen könnten oder wie scheinbar weit entfernte Objekte Gemeinsamkeiten aufweisen.
SG Veränderliche Komponenten wie in Salz kristallisierter Schaum oder karbonisierter Zucker sind Stoffe, die in deiner Praxis immer wieder vorkommen. Interessant finde ich besonders deinen Umgang mit diesem Material. Es begegnet uns nicht als passive Masse, sondern als aktive, handelnde Masse. Die Skulpturen in der Ausstellung sind Kunstwerke, die den Raum einnehmen und in Bewegung sind. Was hat dich dazu gebracht, mit wandelbaren Materialien zu arbeiten?
AI Ich habe diese Dichotomie in mir. Einerseits liebe ich es, logische Systeme und effiziente Strukturen zu bauen. Andererseits sehne ich mich nach Unordnung. Fehler führen oft zu neuen Entdeckungen. Ich mag es, wenn Materie sich der Kontrolle widersetzt, die wir ihr auferlegen wollen. Der Zucker reagiert auf die Luftfeuchtigkeit und Temperatur des Raumes – er kann sich verfestigen oder schmelzen. Er schwankt. Er erinnert uns daran, dass nichts feststeht, dass alles Veränderung ist. Hier ist für mich Octavia E. Butlers Erzählung Parable of the Sower eine Inspiration.
SG Nicht nur das Material selbst spielt eine formbildende Rolle, sondern auch die Umgebung. Welche Relevanz misst du der Umgebung des Kunstwerks zu?
AI Die Werke machen nicht an ihren Grenzen Halt – sie infizieren den Raum. Licht, Feuchtigkeit, Geräusche werden Teil des Werks, und der Ort selbst reagiert auf das Werk.
SG Der Mensch glaubte eine lange Zeit, dass er seine Umwelt ordnen und beherrschen kann. Betrachtet man jedoch geologische Prozesse über lange Zeiträume, so zeigt sich, dass Materialien ständig dabei sind, Entscheidungen zu treffen – und das völlig unabhängig von uns als Menschen. Wie siehst du das Verhältnis von Menschen und Umwelt zueinander?
AI Menschen versuchen oft, ihre Umwelt zu beherrschen, aber Materialien und Natur treffen ihre eigenen Entscheidungen. Langfristig sollten wir beobachten und lernen, wie wir symbiotische Beziehungen zu unserer Umgebung aufbauen können.
SG Du hast UV-Drucke von Wegsystemen oder Landkarten auf die gerahmten Kupferplatten aufbringen lassen. Wo führen sie uns hin?
AI Es sind Mindmaps, Eingänge zu parallelen Systemen. Sie zeigen nicht, wohin man gehen soll, sondern wie man sich verirren kann. Es sind Erinnerungsfetzen, Zeichnungen, Notizen – Blaupausen der Ideen, aus denen sich die verschiedenen Welten zusammensetzen, die ich erschaffe. Es sind abstrakte Landschaften, die ich beobachte, um dann einige Ideen nachzuzeichnen und Parallelen zu ziehen.
SG Du verwendest gerne das poetisch-metaphorisches Bild einer entropischen Landschaft, das zeigt, wie geordnet oder ungeordnet ein System in bestimmten Zuständen ist. Dieses Bild ist von einem kontinuierlichen Wandel und einem ständigem Bedeutungsverfall mitgeprägt. Betreten wir im ersten Ausstellungsraum, den du mit dem Begriff The World (Die Welt) versehen hast, eine solche Landschaft?
AI Ja. Es ist ein Terrain des ständigen Wandels, ein Ort, an dem Formen sich auflösen, aber ich sehe darin keinen Bedeutungsverlust. Der Bauch, der Transformator, versorgt die anderen Räume der Ausstellung. Entropie ist hier nicht nur Zusammenbruch, sondern auch Transformation, eine fortwährende Umverteilung von Energie, die sich nach aussen ausdehnt. Entropie wird oft mit Verlust assoziiert, obwohl sie in Wirklichkeit genau die Voraussetzung ist, die jedes Leben wachsen lässt.