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Daiga Grantina

Notes on Kim Lim

Kunstmuseum

Einleitung

Die Ausstellung Daiga Grantina. Notes on Kim Lim zeichnet das Werk der singapurisch-britischen Künstlerin Kim Lim (1936 – 1997) in einer zeitgenössischen und assoziativen Untersuchung nach und stellt ihr Schaffen in einen Dialog mit den Skulpturen der lettischen Künstlerin Daiga Grantina (*1985). Das Œuvre Kim Lims umfasst abstrakte Skulpturen aus Holz und Stein sowie Arbeiten auf Papier, die das Zusammenspiel von Kunst und Natur reflektieren. Daiga Grantina verwendet in ihrer Praxis ein breites Spektrum alltäglicher Materialien, vom synthetischen bis zum organischen, wobei sie Grenzen ihrer Verwendungsweise umkehrt oder überschreitet und so assoziative Formationen schafft. In den Skulpturen von Daiga Grantina finden sich bemerkenswerte Verwandtschaften und Parallelen zu den Arbeiten von Kim Lim, insbesondere in Bezug auf ihre Wandlungsfähigkeit und Elastizität, die für beide Künstlerinnen konstitutiv sind. Ebenso werden die Unterschiede zwischen den Werken deutlich, aus denen eine wirkungsvolle Spannung erwächst.

Es handelt sich um die erste Präsentation von Kim Lim in der Schweiz, die keine Retrospektive sein will, sondern ihr Werk aus einer künstlerischen Perspektive betrachtet. Die «Notizen» zu Lims Werk werden durch den Blick der Fotografin Katalin Deér (*1965, Palo Alto, Kalifornien, USA, lebt und arbeitet in St. Gallen, CH) und der Lyrikerin Ilma Rakusa (*1946, Rimavská Sobota, Tschechoslowakei, lebt und arbeitet in Zürich, CH) in einer Künstlerinnenpublikation fortgeführt. Das Buch versteht sich als poetische Erweiterung der Ausstellung und wird vom Pariser Grafiker Toan Vu-Huu gestaltet.

Die Buchvernissage findet am 4. Mai 2025 im Rahmen eines Tagesprogramms im Kunstmuseum Appenzell statt. Am gleichen Tag wird die Klangkünstlerin und Komponistin Anna Zaradny (*1977, Szczecin, PL, lebt und arbeitet in Warschau, PL) ihre klangliche Notiz zum Projekt beitragen.

Kuratiert von Daiga Grantina und Stefanie Gschwend

Biografie Kim Lim

Kim Lim (1936 – 1997, Singapur) widmete sich mehr als vier Jahrzehnte lang der abstrakten Skulptur, für die sie Holz, Stein und industrielle Materialien verwendete. Parallel zu ihrer bildhauerischen Arbeit verfolgte sie während ihrer gesamten Laufbahn die Druckgrafik und die Zeichnung. Das verbindende Element über die unterschiedlichen Werkperioden hinweg ist Lims anhaltendes Interesse an Licht, Raum und Rhythmus.

Lim verbrachte einen Grossteil ihrer frühen Kindheit in Penang und Malakka, MYS. Im Alter von 18 Jahren zog sie nach London und studierte die Holzschnitzerei an der Saint Martin's School of Art, London, UK (1954 – 1956). Danach konzentrierte sie sich an der Slade School of Art, London, UK, auf die Druckgrafik und machte 1960 ihren Abschluss. Ihre erste Retrospektive fand 1979 in der Roundhouse Gallery in London, UK statt, 1995 zeigte sie ihre Arbeiten im Yorkshire Sculpture Park, UK und 1999 im Singapore Art Museum, SGP, aber erst seit jüngster Zeit stösst ihre Arbeit auf internationale Beachtung. 2018 fand im STPI, Singapur, SGP die erste grosse Einzelausstellung Kim Lim: Sculpting Light statt. Es folgte die Überblicksschau Kim Lim: Carving and Printing in der Tate Britain, London, UK (2020) und jüngst die Retrospektive Kim Lim. The Space Between in der National Gallery Singapore, SGP (2024/25). Zu den Gruppenausstellungen gehören Breaking The Mould: Bildhauerei von Frauen seit 1945, Yorkshire Sculpture Park, UK (2020); Minimalism: Space. Light. Object, National Gallery Singapore, SGP (2018); Speech Acts: Reflection-Imagination-Repetition, Manchester Art Gallery, UK (2018).

In ihrer Arbeit sträubt sich Lim gleichermassen gegen die modernistische Universalismen der eurozentristischen Kunstgeschichte, sowie einer essentialistischen Einordnung ihrer Praxis in einen panasiatischen Kulturraum. Mit ausgedehnten Reisen nach Italien, Kambodscha, Indien, Japan und Ägypten erweiterte sie ihr Studium und koordinierte ein visuelles Vokabular der eigenen Praxis aus einem multiplen raumzeitlichen Feld antiker wie zeitgenössischer, skulpturaler Werke. Ihre Grammatik entsprang weniger einer Klärung abstrakter Formen als vielmehr der körperlichen Begegnung mit Skulpturen in ihrer konkreten Umgebung.

Biografie Daiga Grantina

Daiga Grantina (*1985, Saldus, Lettland lebt und arbeitet in Paris, Frankreich) untersucht in ihren Skulpturen die Beziehungen zwischen Materialen, Gesten und Raum. Ihr abstraktes Vokabular lehnt sich an Körper, Landschaften und das Organische an und konfrontiert synthetische Materialgebung mit assoziativer Kraft.

Grantina absolvierte ihr Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, DE und an der Akademie der bildenden Künste in Wien, AUT.

Ihre Einzelausstellungen waren Four Sides of a Shadow im Z33 House for Contemporary Art, Design and Architecture, Hasselt, BEL (2024), Lauka telpa im Riga Bourse Museum, Riga, LV (2022), Moth Mothers im Palace Enterprise, Copenhagen, DK (2022), Atem, Lehm «Fiato, Argilla» in der GAMeC, Bergamo, IT (2021); Learning From Feathers bei Liebaert Projects, Kortrijk, BE (2021); Temples bei Emalin, London, UK (2021); What Eats Around Itself im New Museum, New York, US (2020), Saules Suns im lettischen Pavillon auf der 58. Biennale von Venedig, IT (2019), Toll im Palais de Tokyo, Paris, FR (2018), Pillars Sliding off Coat-ee im Kunstverein Hamburg, DE (2017) und Lauka telpa im kim? Contemporary Art Center, Riga, LV (2016). Ihre Arbeiten wurden u.a. in Gruppenausstellungen in der Foksal Gallery Foundation, Warsaw, PL (2024), im Kunstverein Göttingen, DE (2023), Kunstmuseum Bern, CH (2020), der Busan Biennale, Yeongdo Museum of Contemporary Art, Busan, KR (2020), der Galerie Joseph Tang, Paris, FR (2019), der Baltic Triennial 13, Riga, LV (2018) Contemporary Art Center, Vilnius, LT (2018), dem Musée d'Orsay, Paris, FR (2018), der Kunsthalle Mainz, DE (2017), im Kunsthaus Bregenz, AUT (2016) und der Bergen Kunsthall, NO (2016) gezeigt.

Raum 1

Daiga Grantina, Sarrasvati, 2020, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Sarrasvati, 2020, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Brücken / Flügel

Kim Lims Aufmerksamkeit für die Kurven, Linien und Oberflächen, für den Rhythmus der Struktur und die Beziehung der Skulptur zu Raum wird bereits in diesem ersten Ausstellungssaal erkennbar. Die geometrischen Formen der beiden Werke Link I (1975) und Brigde II (1976) legen Arbeits- und Entstehungsprozesse der Skulpturen offen. Das Stapeln und Schichten und die Aneinanderreihung von gekantetem Holz bilden eine Struktur, die nicht statisch ist, sondern die Möglichkeit unterschiedlicher Konstellationen offenlässt. In den 1970er Jahren interessierte sich Lim zunehmend für die Spannung zwischen Vertikalen, Horizontalen und Winkeln. Zudem wird das Licht zu einem wichtigen Element in der Struktur des Werkes und macht es, wie Lim es ausdrückte, «körperlicher» und «verständlicher».

Diese Skulpturen sind einem Minimalismus verpflichtet, der sich jedoch einer kunsthistorischen Kategorisierung entzieht und sich stattdessen mit dem Zeichenhaften verbindet, das die Präsenz von etwas Abwesendem herbeizuführen versucht. Die Werktitel verweisen auf ein vereinendes Element und sprechen über die Beziehungen der Formen. Dieser Aspekt offenbart sich auch in Daiga Grantinas Werk Sarrasvati (2020), das sich als Geste in den Raum emporhebt. Die aus Stoff, Gewebe, Holz und Silikon geformte Arbeit, erinnert unweigerlich an das Fliegen und das Wandern von Vögeln, die durch ihre Bewegung verschiedene Sphären miteinander in Beziehung setzen. Der Verweis auf Vögel findet sich auch im Titel des Werks, der auf die indische Göttin Sarasvati und ihr Begleittier die Gans, der Schwan oder auch der Pfau verweist. Die Ikonographie zeigt die Gottheit inmitten eines Sees, der unter anderem als Symbol für das Urwasser und den Beginn der Schöpfung gedeutet wird.

Den Arbeiten beider Künstlerinnen liegt ein Transformationspotenzial zugrunde und es lassen sich Parallelen im Verständnis einer Brückenfunktion von Bildern finden, die zwischen den unterschiedlichsten, sowohl historisch wie auch räumlich weit voneinander entfernten Kulturen vermitteln.

Raum 2

Kim Lim, Source 2, 1988, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Kim Lim, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Source 2, 1988, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Kim Lim, © 2024, ProLitteris, Zurich

Wasser / Wind

Eigentlich wirken fliessende Gewässer sehr ruhig. Und doch strömen viele Kubikmeter Wasser pro Sekunde über das Gestein und leise graben sich Furchen ins Innere. Der Fluss hebt sich und nicht greifbare Linien erscheinen und verschwinden in der schillernden Masse des Wassers, der Fluss senkt sich und lässt die geformten Körper der Steine in die Luft ragen, wo einige ihrer Stellen trocknen.

In den 1980er Jahren begann sich Kim Lim zunehmend an natürlichen Formen zu orientieren. Parallel dazu arbeitete sie mit Stein und Marmor. Die statischen Eigenschaften des Materials standen im Kontrast zu den dynamischen Rhythmen organischer Formen, worin die Künstlerin ein produktives Spannungsfeld und einen Ausgangspunkt für die Steinskulpturen sah. In zahlreichen Werken wurde der Marmor mit eingekerbten Linien und Texturen bearbeitet, so dass der Stein wirkt, als wurde er von den Elementen geformt. Mit einfachen, leicht geschwungenen Linien, die Lim in den Stein schnitt, suggerierte sie Bewegung und evozierte Wasser oder Wind. Sie versuchte dem Material eine Leichtigkeit und Weichheit zu verleihen, wie es bei Source 2 (1988) beispielhaft zum Ausdruck kommt. Wind Stone (1992) ist flacher gearbeitet. Sie versah einen Hoptonwood-Stein mit regelmässigen Schnitten, so dass das Volumen eher wie eine Zeichnung, denn als eine feste Form erscheint.

In Daiga Grantinas neuer Arbeit Parce que (2024) ziehen geschwungene, dunkle Holzelemente wie eine Raumpartitur an den Wänden des Skulpturenfelds entlang. Folgt das Auge der Linie der Partitur, formt sie sich zu einer Klangwelle und breitet sich unsichtbar in den Saal aus. Die Holzkeile schaffen in gewisser Weise eine Umkehrung von Lims bearbeiteten Steinen, indem sie den negativen Raum zur Form machen. Ihre schwarze Farbe absorbiert das Licht, hebt die Konturen hervor und lässt die Elemente wie Schattierungen an der Wand erscheinen. Es ist, als würden sich die Hölzer in das Raumvolumen einschneiden und bestehendes Material herausarbeiten. Grantina lässt die beiden künstlerischen Resonanzräume miteinander in Verbindung treten und suggeriert die Existenz eines Energieflusses, der alle Dinge durchdringt.

Raum 3

Kim Lim, Ring, 1972, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Ring, 1972, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Materielle Körper

Daiga Grantina sedimentiert in ihren Skulpturen organische und synthetische Materialien zu formkomplexen, instabilen Körpern. In Which Part of the Body (after Orta) (2022) krümmt sich eine amorphe Silikonfläche um sich selbst und legt sich auf eine bemalte Holzoberfläche. Die Materialexperimente fungieren bei Grantina als Stoffwechselorgane, die den skulpturalen Körper auf- und abbauen. Das flache Holzstück und das amorphe Silikon nehmen Elemente anderer Materialien in sich auf. Das Holz saugt sich einseitig mit Tinte voll, im Silikon finden sich Gewebestrukturen und Pigmentspuren. Das Silikon scheint die abgeworfene Haut eines früheren körperlichen Zustandes zu sein und erhält in eigenständigen Bewegungs- und Handlungsprozessen temporär einen neuen Körper.

Das Zusammentreffen der Materialien ist nicht zufällig, vielmehr handelt es sich um Beziehungen, für die Grantina in der Pflanzenwelt Vorbilder findet. Die am Ortasee in Norditalien entstandene Arbeit scheint einem anatomischen Prinzip der symbiotischen Lebensformen von Pilzen und Algen zu folgen, die sich als Flechten zu einer morphologischen Einheit stabilisieren. Gleichermassen kommen materielle und künstlerische Prozesse in Skulpturen zum Stillstand. Diesen Moment sieht Daiga Grantina durch ihre Skulptur mitbestimmt. Der künstlerischen Materie wird eine eigenständige Körperlichkeit zugeschrieben, zu der sich die Künstlerin in Beziehung setzt. Der Titel ihrer Arbeit wirft die Frage auf, an welche Dimensionen humane und nicht-humane Körper gebunden werden.

Zu Beginn ihrer Praxis findet Lim aus figurativen Arbeiten, in ein Interesse an Zwischenräumen und elementaren Formen. In Kiss (1959) meisselt Kim Lim zwei Köpfe, einen rundlichen und einen langgestreckten, aus einem Portland-Stein. Der ausgefüllte Zwischenraum hält die beiden Köpfe im Kuss in Spannung. In ihrer Ausarbeitung bleiben die figurativen Gesichter auf Dauer gestellt und lösen sich zunehmend in den Werkzeugspuren und im rohen Stein auf. Als gegenständliche Form bleibt die Dimension von Ring (1972) in Bezug auf den menschlichen Körper unklar. Erst durch das Schleifen der Oberfläche in engen kreisenden Bewegungen, wird die gestische Dimension einer körperlich anstrengenden Arbeit in Form einer sich kringelnden Spur eingeprägt.

Raum 4

Daiga Grantina, Atem, Lehm #1, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Atem, Lehm #1, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Elastizität

In den 1960er und 70er Jahren fertigte Kim Lim ihre Skulpturen hauptsächlich in rhythmischen Grundformen, bei denen jedes Element ein ausgewogenes Ganzes bildet und in Balance gebracht wird. Twice (1966) veranschaulicht diese Merkmale und zeigt das Interesse der Künstlerin an Gleichgewicht, Farbe, Form und ihrem Konzept von «weniger Ausarbeitung und mehr Kraft». In der Arbeit wird eine vertikale Form dupliziert und liegend dazugestellt. Die monochromen Messingformen sind an einem schmalen Sockel befestigt, der ihr Verhältnis festlegt und sie auf ihre architektonische Umgebung ausrichtet. So scheinen sie Negativräume von grossen hemisphärischen Formen zu sein, die in einen imaginären, dimensionslosen Raum entgleiten. Die Grundformen erhalten dadurch selbst flüssige und elastische Qualitäten.

Wandlungsfähigkeit und Elastizität sind charakteristisch und konstitutiv für die künstlerischen Praxen von Kim Lim und Daiga Grantina. Beiden Künstlerinnen scheint es weniger um eine Repräsentation von Natur zu gehen als vielmehr um einen Nachvollzug ihrer Wirkkräfte, ohne sie damit zu ordnen. Die Künstlerinnen finden eine Nähe zu unverfügbaren Dynamiken in der skulpturalen Übersetzung in neue und freie Formen. Lim mit ihren eigenen Grundelementen, Grantina in der Transformation ihres Ausgangsmaterials.

Daiga Grantina versteht ihre Arbeiten als Vermittlerinnen zwischen irdischen und kosmischen Räumen, die eine Elastizität unseres Vorstellens und Fühlens einfordern. Grantina lässt sich bei der Entwicklung ihrer Materialprozesse von den zahlreichen anpassungsfähigen Eigenschaften von biologischem Leben, wie Koexistenz und Selbstreplikation, inspirieren. In Kūka (2021) streben Materialien in alle Richtung aus. Die Form einer abstrahierten Plazenta, die sich aus quadratischen Feldern eng gearbeiteter Vogelfedern zusammensetzt, bildet das entrückte Zentrum der Arbeit. Für den Titel wählt Grantina den lettischen Namen des Organs, das als einziges im menschlichen Körper nachträglich gebildet werden kann und heranwachsende Föten mit Nähr- und Sauerstoff versorgt. Das Organ markiert diese Koexistenz zweier Lebewesen und wird dann wieder abgestossen. Elastizität bleibt hier nicht nur plastische Möglichkeit der Formannahme, sondern erhält einen formgebenden Charakter, der beide Individuen gleichermassen modifiziert zurücklässt.

Raum 5

Daiga Grantina, Blue Sun, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Blue Sun, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Licht

Im Jahr 1977 stellte Kim Lim Intervals I – part 1 (1973) in der Hayward Jahresausstellung in London aus. Neben 14 männlichen Ausstellenden war Lim die einzige Frau und nicht-weisse Person. Um das krasse Ungleichgewicht im folgenden Jahr auszugleichen, wurde Kim Lim von Hayward in die aus fünf Künstlerinnen bestehende Auswahljury berufen. Ein entscheidender Moment: Es war die erste Ausstellung, die in einer grossen britischen Institution hauptsächlich Frauen zeigte.

In Notizen zu den Intervallen, die Kim Lim im März 1977 für die Tate Gallery verfasste, erklärte sie, dass diese vertikalen Arbeiten, die an einer Wand angewinkelt einen Zwischenraum eröffnen, Lichteinfall ins Zentrum ihres Interessens rücken. «Manchmal nutze ich das Licht, um die Formen mit Schatten wiederzugeben – sie vervielfachen den Rhythmus und verändern ihn je nach wechselndem Licht, wobei das Licht das Gefühl eines eingeschlossenen/gequetschten Raums verstärkt.» Das Licht wird Bestandteil der Arbeit, in dem es die Idee der Skulptur zur physischen Grösse werden lässt. Die Arbeiten bleiben als Membran für sich wechselnde Lichtverhältnisse porös, wie Flaggen, die einer unsichtbaren Luftbewegung eine visuelle Form geben.

Die Frage nach skulpturalen Eigenschaften von Licht entwickelten sich bei Daiga Grantina aus vorhergehenden Auseinandersetzungen im Experimentalfilm. Dabei interessierte sie sich zunehmend für den Raum zwischen Projektor und Leinwand, in den sie reflektierende, skulpturalen Körper einsetzte. Sie scheinen den raumgreifenden Lichtkegel der Projektion punktuell zu materialisieren und in ihrer Farbe chromatisch zu übersetzen. Entsprechend sind die Sichtbarkeit und Farbigkeit der Skulpturen Modalitäten eines Lichtraums, der alles umgibt.
Grantinas Arbeiten erinnern uns daran, dass Kunstwerke, immer auch Teil eines Farbspektrums bleiben, das die gesamte sichtbare Welt umfasst. Mit Blue Sun (2022) rückt die Quelle des Lichts ins Zentrum. Die Sonne oder plurale Sonnen bilden einen imaginären Horizont für den Ausstellungssaal, der kein oben und unten kennt. Als wäre sie der Schauplatz einer kosmologischen Morgendämmerung, eröffnet sie sich als Ort und Moment für sich herauskristallisierende Möglichkeiten.

Raum 6

Daiga Grantina, Use of a comb, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Lorenzo Palmieri

Daiga Grantina, Use of a comb, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Lorenzo Palmieri

Vögel / Schlangen

In diesem Raum finden Werke zusammen, die sich mit verschiedenen Sphären wie dem Wasser-, Erd- und dem Luftreich und mit Tierassoziationen, die sich durch ihre Symbolik mit den Elementen oder anderen Welten in Bezug setzen, verbinden. Parallelen sind auch im Interesse am Wesen der Geometrie zu erkennen, wobei die Form nicht für sich steht, sondern sich mit fliessenden und naturbezogenen Elementen zusammenschliesst.

Use of a Comb (2021) besteht aus schillernden Federn, die Daiga Grantina dicht an dicht auf Stoffquadrate appliziert hat. Je nach Blickwinkel erscheinen sie in unterschiedlichen Farbtönen, in sattem Grün, betören-
dem Blau, tiefem Schwarz oder schattiertem Braun. Am oberen Rand der Arbeit trug sie dünne, sich überlagernde Farbschichten auf, um die fast halluzinogene Wirkung der Federn malerisch nachzuempfinden – der Pinsel als Verlängerung der Federhaare. Das Werk ist ungewöhnlich geometrisch für die Künstlerin, die sonst mit einem organischen und körperlichen Formenvokabular arbeitet. Die Quadrate sind zur inneren Organisation des Werkes geworden, die sowohl Farbe als auch Bedeutung transportieren können und zum ruhigen Klang ihres Prozesses werden.

Kim Lim’s Spiral II (1983) besteht aus sieben Portlandsteinen, die in einem unvollständigen Kreis angeordnet sind. Jeder Stein trägt zwei rillenartig eingeschnittene Linien, die eine weitere Reihe unterbrochener Kreise andeuten. Man ist versucht, die Teile neu anzuordnen und auszurichten – zumindest in seinen Gedanken –, um den Kreis entweder zu vollenden, indem man Platten zusammenführt, oder sie zu erweitern, indem man den Abstand zwischen den einzelnen Teilen vergrössert. Die Höhe der Elemente unterscheiden sich leicht, was zu einer wellenförmigen oder spiralförmigen Bewegung des Blicks über das Werk führt. Das Werk existiert in drei Variationen, darunter eine Aussenversion und eine, die nicht spiralförmig, sondern als Wellenlinie angeordnet ist und Naga heisst. Es bleibt ungeklärt, ob es sich dabei um dieselben Steine handelt, die neu arrangiert eine Schlange suggerieren. In der Hindu-Mythologie sind Nagas halbgöttliche Wesen, halb Mensch, halb Kobra, die oft mit der Bewachung von Schätzen in Verbindung gebracht werden.

Branches turned silver (2022) ist an einem Wintertag an der Aare in Bern entstanden, als das Licht die Äste der Bäume silbrig-grau erscheinen liess. Die Skulptur besteht aus geschnittenem und aufeinander geschichtetem Sperrholz und wurde mit verschiedenen Farbschichten bemalt. Material und Farbe haben wandelbare Eigenschaften und erwecken den Eindruck einer aus dem Wasser auftauchenden Figur. Das Holzobjekt wirkt archaisch und roh, seine Kanten sind unfertig und ausgefranst, was seine Oberfläche als ambivalentes Phänomen zwischen Innen und Aussen begreifbar macht.

VIDEORAUM

Kim Lim, Untitled Relief, 1995, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Untitled Relief, 1995, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, © 2024, ProLitteris, Zurich

Nähe / Distanz

In go the distance (2024) verlieren Äste ihre Dimension als Fragmente eines zusammenhängenden Organismus und scheinen Variationen anderer Arbeiten Daiga Grantinas in veränderter Grösse zu sein. Die Äste bahnen sich in spontanen Richtungswechseln durch den lichtarmen Raum, als entlade sich eine raumgreifende Energie in lokalen Lichtblitzen. Die silberne Farbe schliesst ihre Oberfläche ab und macht sie für sich ändernde Lichtverhältnisse durchlässig. Damit verweisen sie stärker auf ihre unmittelbare Umgebung, als ihre innere Beschaffenheit zu offenbaren.

In den 1990er Jahren bemühte Kim Lim sich verstärkt darum, dem Stein
eine Leichtigkeit und Weichheit zu verleihen, wie in Syncopation No. 2 (1995), wo ein grosses Stück Schiefer mit regelmässigen Schnitten bearbeitet wurde, so dass es eher einer Zeichnung als einer festen Form gleicht. Das filigrane Herauslösen von Schiefer hinterlässt einen linearen Negativraum. Kim Lim scheint sich hier nicht für die Repetition dieser sich ins Unendliche verlierenden Linien zu interessieren, sondern für die konkrete Bruchstelle des Zwischenraums, in dem verschiedene parallellaufende Linienräume aufeinanderstossen. Eine Kontinuität erhält sich nicht über das Lineare, sondern in der Ähnlichkeit von inneren Verhältnissen verschiedener linearen Zonen.

So finden sich in diesem Raum gleichermassen kleinteilige, in ihrer Fragilität betonte Arbeiten der beiden Künstlerinnen, die in ihrer erfassbaren Ähnlichkeit eine spontane Nähe aufzeigen.

Raum 7

Daiga Grantina, Joana’s Joy, 2024, Courtesy the artist and Emalin, London, Photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Joana’s Joy, 2024, Courtesy the artist and Emalin, London, Photo: Toan Vu-Huu

Körper / Hülle

Die grossformatige skulpturale Assemblage Joana’s Joy (2024) von Daiga Grantina ist der natürlichen Welt nachempfunden und erinnert an Vegetation und Körper. Die Skulptur verwendet synthetische Materialien, die dynamische und wandelbare Eigenschaften haben, sich miteinander verbinden
und fliessende Übergänge schaffen. Joana's Joy erzeugt eine faltende, zyklische Bewegung, die einen eigenen Raum schafft und gleichzeitig eine Figur bildet. Sie wirkt wie eine Behausung und eine schützende Hülle. Die amorphe Struktur strahlt Lebendigkeit und eine starke physische Präsenz aus, und wirkt gleichzeitig verletzlich und vergänglich.

Das Thema Raum wird von Kim Lim in ihren dreidimensionalen und grafischen Arbeiten reflektiert. Wir sehen Strukturen, die wie Architekturen oder Hüllen, Skulpturen oder Symbole wirken. Immer wieder zeigt sich Lims Interesse an den Bildsprachen alter Zivilisationen und an der Bedeutung von Bildern, die den verschiedenen Kulturen der Welt zugrunde liegen.

Das Werk von Grantina verbindet sich nicht nur mit den fliessenden und naturbezogenen Aspekten von Kim Lims Arbeit, sondern auch in der Wahrnehmung von Strukturen, die als Hybride zwischen Körper und Raum existieren. Während Grantinas Arbeiten einen direkteren Bezug zum Körper herstellen, entsteht dieser bei Lim, deren Werk eher raum- und naturbezogen ist, durch die Bewegung und den Rhythmus, die ihren Strukturen innewohnen.

Raum 8

Kim Lim, Narcissus, 1959, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Narcissus, 1959, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Vibration

Die ausgedehnten Reisen nach Italien, Kambodscha, Indien, Japan und Ägypten, die Kim Lim ab 1962 gemeinsam mit ihrem Ehemann William Turnbull unternahm, führten die Künstlerin in archäologische Ausgrabungsstätten, Museen und antike Kulturräume. Ortsbezeichnungen und Namen mythologischer Figuren finden sich als Referenzen in den Titeln vieler Werke Lims wieder. Die frühe Arbeit
Narcissus (1959) ist eine Bronzeskulptur, die aus zwei Bronzeteilen besteht, die auf einer schwarzen Marmorplatte befestigt sind und sich darin spiegeln. Die einzelnen Elemente erinnern an die Innenansicht eines Körpers, an miteinander verbundene Organe, die Volumen bilden, sich strecken, aufblähen und verjüngen.

In ihren frühen Werken interessierte sich Kim Lim für Elemente, die sie als Formen in räumliche Verhältnisse setzte, um die Spannung zwischen ihnen als Raum zu aktivieren. In Narcissus wird die erhöhte Aufmerksamkeit für den Raum zwischen den einzelnen Elementen einer Skulptur deutlich. Die Künstlerin betonte ihr Vorgehen, in dem «manchmal Raum, Intervalle und Stille zu nutzen, um die Struktur zu betonen; manchmal Formen in Wiederholung zu verwenden, um einen Rhythmus zu schaffen, um eine Art Resonanz / Vibration zu erzeugen».

Die Vibration, die Kim Lim in ihrer räumlichen Auseinandersetzung suchte, scheint sich auch in ihrem Interesse an Wasseroberflächen in den Druckserien der 1980er Jahre herauszukristallisieren. Das grafische Element ihrer Drucke sind formalisierte Intervalle einer von Wellen bewegten und im gleissenden Sonnenlicht vibrierenden Wasseroberfläche.

Die Arbeiten von Daiga Grantina informieren sich gleichermassen an Effekten materieller Oberflächen und ihrer medialen Möglichkeiten. Während eines Aufenthalts am Ortasee in Italien lässt sie sich vom grossen Wasserkörper des Sees inspirieren, der in ruhigen Momenten die voralpine Umgebung fast ununterscheidbar in seiner Oberfläche reflektiert. Grantina interessiert sich weniger für die klare Reflexion der Umgebung als vielmehr für Situationen, die das Spiegelbild in einer Masse von Bewegungen und Reflexen aufzulösen vermögen. Echos von sich im und auf dem Wasser bewegenden Fischen, Vögeln, Insekten und Booten, die sich ringförmig ausdehnen. Der Wind, der das Wasser anhebt und zerzaust. Schwimmendes Holz, ausgewaschene Blätter und Plastikresten, die sich mit den reflektierten Farben des Himmels verbinden. Gleich dem Selbstbild von Narziss, das in dem Moment als seine Tränen ins Wasser fallen verschwindet, wird das klare Ebenbild der Umgebung in gleissende Lichtpunkte und kräuselnde
Farbtöne zerfranst. Die Wasseroberfläche verliert in ihrer Vibration ihre reflektierende Funktion nicht, sondern wird in einen Komplex sich ausbreitender Details verwandelt.

Raum 9

Kim Lim, Study for Water Piece, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Study for Water Piece, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Bewegung / Fluss

Im Raum steht eine Skulptur, die zwischen geometrischer und organischer Form schwankt und durch die man hindurchgehen kann. Daiga Grantinas Werk rhythmisiert die bestehende Architektur durch seine Struktur, die durch eingeknickte Streben charakterisiert ist und so eine Spannung zwischen Körper, Raum und Skulptur erzeugt. Clinging, craving (2022), was so viel bedeutet wie «Festhalten, Verlangen», schafft gleichzeitig einen Raum und keinen Raum. Die Form weckt Assoziationen von Behausung, die mit Bildern intimer Räumlichkeit verbunden sind, während die geknickten Mitten im Gegensatz dazu ein Gefühl der Instabilität vermitteln. Der Raum wirkt elastisch und dynamisch, als könnte er sich ausdehnen und wieder zusammenziehen, wodurch der Gegensatz von Innen und Aussen verwischt wird. Eine Bewegung wird auch durch die Bemalung suggeriert, die sich wie Wasser an der Oberfläche verhält. Die Farbschicht legt sich wie eine Membran über das Metall und löst die industrielle Wirkung in einer malerischen Geste auf.

Free Forms (1968/69) sind minimalistisch anmutende Radierungen freier Formen, in denen Kim Lim Energien, Fluss, Bewegung und den Urknall thematisiert. Die Linie wird in einer sich ständig wiederholenden Bewegung und der Überlagerung von Strichen begriffen. Study for Water Piece (1979) stapelt fünf kurvenförmige Wasserbecken übereinander und setzt die Formen und Betonungen der Radierungen fort. Lim beschäftigte sich mit den Rhythmen des Lebens, wobei sie sich besonders für die Elemente Wasser, Luft und die wechselnde Qualität des Lichts interessierte. Wie bei der Arbeit Spiral II (Raum 6) gibt es verschiedene Variationen von Wasserbecken in unterschiedlichen Materialien und Grössen. Zu sehen ist ein Becken aus Holz, eines aus Gips und eines aus Bronze, das mit Wasser gefüllt werden kann.

Raum 10

Daiga Grantina, Swallows, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Swallows, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Formation / Transformation

Die Artikulation von Farbe und Form in verschiedenen Medien steht in Wechselwirkung mit der Wandelbarkeit der Skulpturen, die ihrem Wesen nach Orte der Verwandlung schaffen.

Centaur I (1963) ist eine kontrastreiche und auffällige blaue Figur, die die Wirkung von Farbe in der Skulptur hervorhebt. Das Werk erinnert an einen Scherenschnitt und hat trotz seiner Grösse eine zeichnerische Qualität. Mit dem Titel bezieht sich die Künstlerin auf die Kentauren, die als mythologische Mischwesen und Personifikationen des Sturms bereits eine Verwandlungsfähigkeit in sich tragen.

Daiga Grantinas Swallows (2022) (dt. Schwalben) ist wie die beiden Werke Untitled (1963) sowie Minus 1 und Minus 2 (1966) von Kim Lim tatsächlich wandelbar und kann in unterschiedlichen Anordnungen gezeigt werden. Swallows besteht aus sechs flügelähnlichen Elementen, die mal eine kreisförmige, mal eine freiere Form bilden und in den Farbtönen von Orange bis Grün variieren. Sie hat einen inneren und einen äusseren Ring aus Farben. Die Künstlerin verbindet die Skulptur mit einer Sonnenuhr, die sie je nach Ort und Zeit auf unterschiedliche Weise anordnen kann. Alle diese Skulpturen bringen nicht nur ihre eigene Form zum Vorschein, sondern auch den Raum, der sie umgibt. So scheinen die einzelnen Teile von Lims Arbeiten den Zwischenraum zu fassen und finden sich in einer konkreten Geste des Haltens wider.

Im Gegensatz zu ihren anderen Skulpturen, die sich fliessend in den Raum entfalten oder diesen als organische Strukturen einnehmen, hat Grantina bei Wide Triangle (2024) die Form auf der ebenen Fläche entwickelt. Die unvollkommenen Dreiecke wirken in ihrer Rohheit wie Modelle, auf deren Oberflächen sich von klarem Plastik bis hin zu verschiedenen Stoffen das Sonnenlicht unterschiedlich stark reflektieren oder absorbieren lässt. Obwohl die Skulpturen wie Materialtests wirken, haben sie eine artefaktische Präsenz und lassen an ein Portal denken, das als Übergangselement in eine andere Welt oder einen anderen emotionalen Zustand führt.

Raum 11

Kim Lim, A Minor, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, A Minor, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Zeit / Intervalle

Im Laufe ihrer Karriere und ihrer zyklischen Arbeitsweise entwickelte Kim Lim ihre Druckgrafiken und Skulpturen parallel und erforschte analoge Interessen an Raum, Intervall und Pausen. So sind die streng geometrischen Formen der Ladder-Serie (1972) in den bemalten Holzstrukturen von Intervals (1973) wiederzufinden. In den Holzschnitten A minor (1979) sind die Zeichnungen des Steins ihrer Skulpturen der 1970er Jahren und die grafische Bearbeitung von Schieferplatten in den 1990er Jahren ersichtlich. Die skulpturalen Qualitäten im Schnitzen, Aushöhlen und Markieren von Oberflächen zeigen sich gleichermassen als Sensibilität in ihren Druckgrafiken. Eine Differenz stellt Lim in der Dauer der Arbeitsprozesse fest. Druckverfahren ermöglichen ein schnelleres Feedback von Formideen als die zeitintensive Bearbeitung von Stein und Holz.

Die zeitliche Dimension ihrer künstlerischen Praxis, die sich über versetzte Zeitregister ausdehnt, beschäftigt Kim Lim in ihrer Druckserie Time Shift (1993) ganz konkret. Zeitliche Differenzen werden darin in einer visuellen Übersetzung im Farbdruck erprobt. Die chromatische Subtilität der gedruckten Farbelemente markiert Lichtdifferenzen, die sich in ihren transparenten Überlagerungen verdichten. Lim findet im Hören von zeitgenössischer Musikformen, in der gleichklingende Intervalle repetitiv angeordnet werden, Inspiration für die geometrische Form der Elemente. Die einzelne Form rhythmisiert den grafischen Raum, der für Kim Lim so eine konkrete körperliche Erfahrung hervorbringt.

Mit der nummerierten Serie Temple (2000 – 2022) wendet sich Daiga Grantina von ihren geronnenen und schwebenden Formkomplexen ab, um eine skulptural subtilere Poetik zu entfalten. Die Künstlerin verwendet dazu ungerade Dreiecke als geometrische Linsen und strukturierendes Substrat für ihre Materialexperimente. Durch ihre transparenten oder opaken Qualitäten erhalten die Wandarbeiten der Serie Square Shadows (2024) ein Schichtbild, das sich mit dem Einfall von Licht in seiner Tiefenwirkung verstärkt und veränderbar bleibt. Licht versteht Grantina als künstlerisches Mittel, das ihre Skulpturen komplementiert oder selbst zur Form wird. Die Immaterialität des Lichts erleichtert ihre Streben nach einer destabilisierenden Qualität ihres künstlerischen Vokabulars.

Impressum

KURATORINNEN
Stefanie Gschwend (Direktorin / director Kunstmuseum / Kunstmuseum Appenzell), Daiga Grantina (Künstlerin / artist)

AUSSTELLUNGSUMBAU 
Christian Hörler, Christian Meier, Ueli Alder, Asi Föcker, Vanessà Heer, Flavio Hodel, Luca Tarelli, Regina Brülisauer, Margrit Gmünder, Xiaoping Meier-Chen, Madleina Rutishauser

ORGANISATION
Stefanie Gschwend, Luca Tarelli

KUNSTVERMITTLUNG
Domenika Chandra

BESUCHER*INNENBETREUUNG
Dominique Franke, Margrit Gmünder, Ian Groll, Barbara Metzger, Heneisha Morris, Madleina Rutishauser

GASTRONOMIE & EVENTS
Regina Brülisauer

HERAUSGEBER

TEXT
Stefanie Gschwend, Luca Tarelli

LEKTORAT & ÜBERSETZUNG
Stefanie Gschwend

FOTOGRAFIEN
© Daiga Grantina

GRAFIK
Data-Orbit / Michel Egger, St.Gallen

DANK
Bianca Chu, Katalin Deér, Daiga Grantina, Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Mathilde Labuthie, Ilma Rakusa, Leopold Thun, Alex Turnbull, Johnny Turnbull, Angelina Volk, Toan Vu-Huu, Julius Woeste, Anna Zvaradny

Daiga Grantina
Notes on Kim Lim
Kunstmuseum
Daiga Grantina, Sarrasvati, 2020, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Sarrasvati, 2020, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Kim Lim, Source 2, 1988, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Kim Lim, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Source 2, 1988, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Kim Lim, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Ring, 1972, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Ring, 1972, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Daiga Grantina, Atem, Lehm #1, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Atem, Lehm #1, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Blue Sun, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Blue Sun, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Use of a comb, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Lorenzo Palmieri

Daiga Grantina, Use of a comb, 2021, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Lorenzo Palmieri

Kim Lim, Untitled Relief, 1995, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Untitled Relief, 1995, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, © 2024, ProLitteris, Zurich

Daiga Grantina, Joana’s Joy, 2024, Courtesy the artist and Emalin, London, Photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Joana’s Joy, 2024, Courtesy the artist and Emalin, London, Photo: Toan Vu-Huu

Kim Lim, Narcissus, 1959, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Narcissus, 1959, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Study for Water Piece, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, Study for Water Piece, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Daiga Grantina, Swallows, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Daiga Grantina, Swallows, 2022, Courtesy the artist and Emalin, London, photo: Toan Vu-Huu

Kim Lim, A Minor, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

Kim Lim, A Minor, 1979, Courtesy Kim Lim Estate / Turnbull Studio, Photo: Mark Dalton, © 2024, ProLitteris, Zurich

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