Gabriela Löffel wählte fünf Videoarbeiten von Basma al-Sharif, Marwa Arsanios, Haig Aivazian, Border Forensics, Miranda Pennell und Mohamed Choucair aus. Die Arbeiten eröffnen neue Perspektiven auf das gedankliche Feld von Löffels Praxis. Die ausgewählten Beiträge untersuchen, wie politische Ereignisse erinnert und dargestellt werden, wie staatliche Gewalt sichtbar gemacht werden kann und welche Rolle Archive, Tonaufzeichnungen, Animationen, forensische Bilder und Zeugnisse dabei spielen.
Basma al-Sharif (*1983) ist palästinensische Künstlerin und Filmemacherin und arbeitet in Berlin. Mit einer präzisen Bildsprache und schwarzem Humor setzt sie sich in ihrer künstlerischen Praxis mit anhaltender Gewalt und deren Darstellung auseinander und erforscht das Erbe des Kolonialismus innerhalb unausweichlicher Machtstrukturen. Gemeinsam mit zwei Künstlern und engen Freunden, die bereits in ihrem ersten Film Ouroboros (2017) über den Gazastreifen nach Israels Krieg von 2014 beteiligt waren, verhandelt al-Sharif in ihrem Film Old Masters (2025) die Frage, ob sich ein Genozid überhaupt beschreiben lässt.
Marwa Arsanios (*1978) ist Künstlerin, Filmemacherin und Forscherin und arbeitet zwischen Berlin und Beirut. Ihre Filme, Installationen und Performances untersuchen politische Geschichte aus feministischen und antikolonialen Perspektiven. Ausgehend von Ausgaben der panarabischen Kulturzeitschrift Al-Hilal
und dem Film La Bataille d’Alger (1957) untersucht Have You Ever Killed a Bear? or Becoming Jamila (2014) die wechselnden Darstellungen der algerischen Widerstandskämpferin Jamila Bouhired. Arsanios fragt, wie eine historische Person zur politischen Ikone, medialen Figur und Projektionsfläche wird und feministische Projekte in antikoloniale Bestrebungen unterstützt oder marginalisiert werden.
Haig Aivazian (*1980) lebt und arbeitet in Beirut. In Videos, Animationen, Installationen, Zeichnungen und Performances untersucht er, wie Macht durch technische und materielle Systeme in Körper, Architekturen und Landschaften eingreift. Wiederkehrende Themen seiner Arbeit sind künstliches Licht, Berechnung, Recht, Überwachung und die Regulierung öffentlicher Räume. You May Own the Lanterns but We Have the Light, Episode 3: Children of Darkness
(2025) ist Teil einer animierten Serie über die politische Verwaltung von Licht und Dunkelheit. Vorgefundene Zeichentrickbilder werden neu gezeichnet, verändert und montiert. Licht erscheint darin nicht als neutrales Medium, sondern als Infrastruktur, die Überwachung, Bewegung und öffentliche Ordnung steuert und zum Widerstand angeeignet werden kann.
Border Forensics ist eine Genfer Forschungsagentur, die staatliche und institutionelle Gewalt mit räumlichen, visuellen und technologischen Methoden untersucht. Ihre Analysen verbinden Menschenrechtsarbeit, Forschung und visuelle Praxis und zielen auf öffentliche und juristische Rechenschaft. Die audiovisuelle Untersuchung The Death of Roger Nzoy Wilhelm (2025) rekonstruiert den Tod von Roger Nzoy Wilhelm, der 2021 am Bahnhof Morges von einem Polizisten erschossen wurde. Mithilfe räumlicher, visueller und zeitlicher Analysen entsteht eine Gegenuntersuchung, die die offiziellen Darstellungen prüft und nach Wahrheit und institutioneller Verantwortung fragt.
Miranda Pennell (*1963) ist eine in London lebende Filmemacherin, deren Filme häufig Bilder aus britischen Kolonialarchiven neu interpretieren, um über aktuelle Situationen nachzudenken. In ihren Arbeiten betont sie die Rolle der Imagination bei der Deutung historischer Dokumente. In ihrer Arbeit Man number 4 (2024) unternimmt sie eine detaillierte Analyse von 2023 auf Social Media gefundenen Bildern einer Verhaftung in Gaza und befragt eine eigene Zeug*innenschaft.
In der Verbindung von Einzelausstellung und kuratiertem Videoprogramm entsteht ein kohärentes Gesamtprojekt, das politische, wirtschaftliche und mediale Machtverhältnisse aus unterschiedlichen Perspektiven befragt und Gegenerzählung hervorbringt. Die Ausstellung setzt dabei nicht auf vereinfachende Erklärungen, sondern auf genaues Sehen und Hören und schafft einen Raum, in dem komplexe Zusammenhänge öffentlich zugänglich und kritisch verhandelbar werden.